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Das Wort am Sonntag

Wie macht man Exklusion sichtbar?

 

06. Juni 2010

 

Wer die Möglichkeit hatte, Nord- und südamerikanische Großstädte zu bereisen und nicht nur die touristischen Sehenswürdigkeiten besuchte, sondern durch die Städte in alle Bereiche bummeln konnte, der hat sie mit Sicherheit gesehen, die

Exklusion.

Soziale Ausgrenzung ist selbst in den Vorstädten von New York oder Boston nicht mehr zu verbergen.

Dort würde niemand die provokante Frage stellen:

Wo ist die Exklusion“?

Denn mit dieser simplen Frage könnte man ungewollt ein brisantes Thema aktualisieren und in den Brennpunkt der Gesellschaftspolitik rücken.

Auch in unserer Heimat kann ein Rundgang durch die Außenbezirke von Berlin, Hamburg, Dresden, Köln oder München hilfreich sein, wenn man die Entwicklung von

Exklusion

in unserer Gesellschaft beobachten möchte. Hier steht man plötzlich mittendrin im Geschehen um Hartz IV, Nahrungsbeschaffung und Überlebenswillen der Betroffenen.

Das ist dann kein Fernsehbericht, keine Showeinlage von DSDS, keine biographische Erzählung von Anne Will, sondern der Alltag von exkludierten Menschen aus der Mitte unserer Gesellschaft.

Dort kann jeder der es möchte, mit Intention Exklusion beobachten und Exklusion ausfindig machen, ohne größere Probleme.

Der Exklusionsbegriff wird in der Soziologie vor allem von der Systemtheorie verwendet und getragen, doch in vielen deutschen Städten und Gemeinden sind die praktischen Auswirkungen einer völlig verfehlten Sozialpolitik sofort sichtbar.

Denn die

Agenda 2010 und besonders Hartz IV

bestätigen alle systemtheoretischen Ansätze in vollen Umfang. Das ist ein Eldorado für die Wissenschaft, denn hier werden die theoretischen Rahmen jeder wissenschaftlichen Arbeit gesprengt.

Problemlos können unterschiedliche Auswirkungen nicht nur beobachtet werden, sondern man kann auch deren Unterscheidungsmerkmale eindeutig zuordnen.

Knapp zusammengefasst kann man sogar feststellen, dass die theoretischen Grundlagen der systemtheoretischen Methodik, die bei der Analyse von

Exklusionsbildern

ohne Grenzlinien, als Markierungen einer Differenz identifizieren lassen.  

Die Selektion von Sinnkriterien, die Unterscheidung von aktuell gegebenen und allem

möglichen Ausprägungen liegt offen erkennbar auf der Straße.

Aufmerksamen Beobachtern, die mitdenken möchten, erschließen sich schon heute neu zu beobachtende Systeme gesellschaftlicher Veränderungen.

Trotzdem ist dieser paradoxe Prozess erst in den Anfängen seiner vollen Entwicklungsmöglichkeiten.

Der deutsche Soziologe, Philosoph und engagierte Gesellschaftstheoretiker

Niklas Luhmann

[ † 06. November 1998 ],

der als einer der Begründer der soziologischen Systemtheorie gilt und mit seinen Ausarbeitungen zu den Themen

Inklusion / Exklusion

die moderne Gesellschaft von einem funktional - strukturell differenzierten Standpunkt

aus betrachtete, war der Ansicht, dass auch eine stark differenzierte Gesellschaft integriert werden sollte.

Niklas Luhmann sah dies als vorrangige Aufgabe der Inklusion zur Harmonisierung aller Gesellschaftsprozesse. Inklusion ist jedoch nur eine Form und hat somit auch eine Außenseite, dies ist nun einmal die

Exklusion.

Die Art und Weise wie Menschen als Personen behandelt werden, entscheiden in einer

funktional differenzierten Gesellschaft die Funktionssysteme und die werden zurzeit noch immer von der unsäglichen

Agenda 2010

dominiert, die von Tag zu Tag den Exklusionsprozess beschleunigt.

Welche soziale Folgen und Strukturprobleme unsere Gesellschaft noch bekommen wird, wenn wir weiter die autonome Regulierung den Funktionssystemen überlassen,

ist unschwer durch die Beobachtung von Menschen die Mülleimer und Müllcontainer nach Pfandflaschen -und Pfanddosen durchsuchen, zu erkennen.

Jedes Hartz IV – Opfer, der früher oder später zum

Obdachlosen

gestempelt wird, ist ein Nicht - Konsument im klassischen Sinn.

Dass funktional gesteuerte, differenzierte Gesellschaften soziale Ungleichheiten produzieren, dürfte nun auch den Hardlinern unter den Neoliberalen bewusst werden.

Sieger ist schon, wer diesem Teufelskreis entrinnen darf!

Die Befürchtung liegt deshalb nahe, dass mit fortschreitender

Exklusion

In unserer Heimat die organisierte Kriminalität und Kartelle vermehrt Zulauf haben könnten und die Korruption in kaum vorstellbare Szenarien abgleitet.

Entsprechende Beobachtungen zur Exklusionsproblematik und deren Verläufe werden womöglich in Kürze den Berliner Politikern die Augen öffnen.   

Denn die Einleitung eines

Inklusionsprozesses

durch  veränderte Funktionssysteme oder deren sofortige Abschaffung

[ Agenda 2010 ], gemäß den Vorschlägen des DRSB e.V., ist längst überfällig.

Denn wenn staatliche Maßnahmen dazu führen, dass bestimmte Personen in der Gesellschaft keinen Zugang mehr zur Gemeinschaft finden, dann stellt sich ein solches Prinzip selbst in Frage.

Eigentlich sollte für jede Gesellschaft die Inklusion der Normalfall sein und eine Vollinklusion das Zeichen für wachsenden Wohlstand werden.

Die unsägliche

Agenda 2010

bleibt ein Vernichtungsinstrument für die Menschenwürde, denn Menschen, die diesen strengen Anforderungen nicht folgen können, werden als Personen für jede Gesellschaftsform aussortiert.

Durch die Langsamkeit unserer Parlamentarier und die bürokratische Effizienz unserer Verwaltungssysteme rückt die

Exklusion

immer mehr in den Mittelpunkt und wird deutlich sichtbar.

Das Hauptproblem ist aber noch gar nicht richtig erkannt worden, denn Menschen die ständig ihren miesen Sozialstatus erklären müssen, wird

exkludierende Kommunikation

zur Alltäglichkeiten und mutiert sehr schnell zum sozialen Chaos.

Die Betroffenen und das sind in unserer Heimat zurzeit rund 11 Millionen Menschen verschwinden teilweise in der Bedeutungslosigkeit.

Sie werden von bestimmten wirtschaftlichen Systemen entweder für nicht mehr relevant gehalten oder völlig übersehen.

Diese neue Dimension der

zeitweiligen Exklusionserfahrungen

ist die nächste Kategorie der Vernichtung der Menschenwürde.

Dazu zählen Obdachlose, Langzeitarbeitslose oder Sozialhilfeempfänger gleichermaßen.

Die Sichtbarkeit der Exklusion nimmt die Mitte unserer Gesellschaft von beiden Seiten in die gesellschaftspolitische Zange.

Noch besteht zwischen den unterschiedlichen Gruppierungen ein deutlich erkennbarer Unterschied:

Während die einen versuchen, sich zu verstecken, abzuschotten und damit unsichtbar zu machen, versuchen andere, aktiv die Unsichtbarkeit der Exklusion ans Tageslicht zu zerren.

Und diese Gruppe der Betroffenen wächst an.

Das Exklusionsproblem stellt sich auch deswegen so äußerst dringlich dar, weil die so genannte Erwerbsarbeit auf absehbare Zeit die Lebenschancen der Mehrheit der Bevölkerung sicherstellen muss und bestimmen wird.

Das bedeutet, dass alle Menschen, die in diesem Erwerbssystem vernetzt sind, ihren Status und ihr gesellschaftliches Ansehen zu verlieren haben.

Vergleichbares gilt auch

für unser damit verbundenes Demokratiesystem.

In diesem Zusammenhang müsste jedem aufrechten und verantwortungsbewussten Demokraten, egal aus welcher Partei er stammt, deutlich werden, warum im Exklusionsproblem, das erst durch die unsägliche

Agenda 2010

ausgelöst wurde, zugleich weitreichende gesellschaftspolitische Implikationen enthalten sein können.

Denn bei einer zu erwartenden Zuspitzung wird die soziale Ausgrenzung dann zur unkontrollierbaren Waffe derer, die etwas zu verteidigen oder zu verlieren haben.

Denn die Lebensqualität in einer

Gesellschaft für jeden Einzelnen hängt immer von der

Lebensqualität aller ihrer Mitglieder ab.

 

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Deutscher Rentenschutzbund e.V.

 

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Stand: 06.06.2010

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