Das Wort am Sonntag – 20. Februar 2011

Das Wort am Sonntag

Das Dilemma nach der Krise

Steuervorteile für Fondsgesellschaften

 

20. Februar 2011

 

Die rund siebenundzwanzig Jahre zwischen der stringenten Deregulierung der US – Finanzmärkte in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts bis zum Ausbruch der US – Finanz- und Wirtschaftskrise Mitte 2007 wird vermutlich als das Zeitalter des transaktionsmanipulierten ungezügelten Kapitalismus in die Geschichte eingehen. Was sich in diesen Jahren quasi weltweit abspielte war der pure Kapitalismus und hätte in dieser Form selbst Karl Marx überrascht. Auch wenn jede Krise vorbei geht, so müssen die kollateralen Schäden erst vollkommen beseitigt werden ehe eine ganze Reihe von Konsequenzen folgen muss. Deswegen ist rein ökonomisch betrachtet eine Deflationsphase für alle Finanzmärkte kein großes Übel. Die Finanzmärkte haben ohnehin unsere Denkweise stark verändert und unsere Wertvorstellungen erheblich deformiert. Diese US – Finanz- und Wirtschaftskrise hat allen gezeigt, dass kollektives Handeln unabdingbar ist und unser Staat gestaltend sowie stringent regelnd in die Wirtschaftsabläufe eingreifen muss. Es gibt aber noch eine weit prägendere Erfahrung aus dem Desaster:
Viele europäische, möglicherweise unwissende, Politiker haben zugelassen, dass gierige, völlig verblendete Finanzakteure von Banken und Fondsgesellschaften einen gravierenden schlechten Einfluss nicht nur auf unsere Volkswirtschaft, sondern insgesamt auch auf unsere Gesellschaft sowie auf jeden einzelnen ungestraft ausüben konnten. Deshalb nutzen in immer mehr gesellschaftlichen Gruppen die Menschen in unserer Heimat die Gelegenheit und hinterfragen kritisch, ob das, was die gierigen, völlig verblendeten Finanzakteure mit uns gemacht haben, mehrheitlich unseren Wünschen und Vorstellungen entspricht. Allzu leichtfertig wurde kritiklos die theoretische Annahme akzeptiert, in der Höhe der Vergütung der Topakteure spiegelt sich der Beitrag der Betreffenden zum gesamtgesellschaftlichen Wohlstand wider. Viele Menschen glaubten daran, dass diejenigen, die sehr viel verdienten, die bedeutendsten Beiträge zum sozialen Wohlstand in unserer Heimat geleistet hätten. Die Stiftungsdebakel in Lichtenstein und der Schweiz sowie die damit verbundene Steuerflucht haben diesen Irrglauben mit Stumpf und Stiel aus den Köpfen der Menschen gerissen. Wie die US – Finanz- und Wirtschaftskrise unsere Denkweise verändern konnte, zeigt sich an der gesundenden Einstellung zum Leistungslohn. Denn zu viele Menschen in unserer Heimat glaubten fest daran, das, was der zügellose Finanzmarkt hoch bewerte, könnte auch einen hohen gesellschaftlichen Wert darstellen. Bis vor wenigen Monate folgerte man fälschlicherweise, dass aus der extrem hohen Vergütung von Bank- und Fondsmanagern die getätigten Geschäfte gleichzeitig auch einen hohen sozialen Nutzen hätten. Doch das gnadenlose Gewinnstreben sowie die unverständliche Verklärung eigennützigen Verhaltens haben nicht den erhofften Wohlstand schaffen können und ohne Zweifel zu einem sozialen wie moralischen Defizit geführt. Das ist die unmissverständliche Botschaft der anhaltenden US – Finanz- und Wirtschaftskrise. Aber statt quasi untätig alles klaglos zu ertragen, hätten wir fragen sollen, ob und – wenn „JA” – warum diejenigen, die an der Entstehung der Krise mitwirkten, jegliche sozialen und moralische Skrupel verloren haben. Und wer genau hinschaut erkennt, dass jeden Tag die Liste der ethisch überforderten Finanzakteure von Banken und Fondsgesellschaften immer länger wird. Man kann es drehen und wenden wie man möchte, eines steht jetzt schon felsenfest, dass die Finanzakteure die moralischen Standards, die viele Menschen von ihnen eigentlich erwartet haben, einfach nicht genügen. Denn der Großteil des Geredes über Verantwortlichkeiten ist einfach offensichtlich nur heiße Luft. Schon heute beteuern fast alle verantwortlichen Finanzmarktakteure ihre Unschuld. Und an dieser Stelle beginnt das eigentliche Dilemma, wenn die US – Finanz- und Wirtschaftskrise vorbei sein sollte und das neue Desaster mit den Rohstoffmärkten beginnt.

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