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Die Nachwehen der US - Kriege
- Teil 75 - 

Im Niemandsland verloren

 

21. April 2010

 

Rund 10 Jahre bevor die Mauer in Berlin fiel und dadurch der Welt das Zeichen gab, dass der Kommunismus auf breiter Front gescheitert war, weckte eine kleine Schar von Werftarbeitern in Polen die Hoffnung auf demokratische Verhältnisse hinter dem Eisernen Vorhang.

Ein pummeliger entlassener Elektriker der Lenin - Werft, mit zerwühlten Haaren und einem dicken ungepflegtem Schnurrbart führte den Protest gegen die Kommunistische Partei in Polen an, die die Fleischpreise anheben wollte.

Unglaublich aber wahr, dieser Mann

spielte damals mit seinem Leben und dem Leben seiner Familie.

Lediglich ein maroder Zaun schützte mehrere tausend Arbeiter der Lenin - Werft vor dem direkten Zugriff der Machthaber und der russischen Protektoren.

Der am 29. September 1943 in Papenfeld [ Popowo ] geborene Elektriker

Lech Walęsa

organisierte hinter dem maroden Zaun für die schwierigen Verhältnisse in einem Warschauer - Pakt Land einen beispiellosen Aufstand gegenüber der von Moskau gelenkten polnischen Marionettenregierung.

Denn Polen war nach der Befreiung von Nazi - Deutschland vom Regen über die Traufe direkt in den kommunistischen Mist gelandet und seit 35 Jahren von den Russen beherrscht.

Alle tanzten vor Freude, alle zitterten vor Angst, alle weinten vor Hoffnung, doch niemand wusste genau, wie sich die Russen verhalten würden.

Würden die Machthaber in Moskau Panzer schicken?

Würde man den Aufstand zerschießen?

Wer müsste zuerst auf die Arbeiter schießen?

Die Welt, ja auch die USA, war wieder einmal völlig überrascht von der Entwicklung in einem Warschauer - Pakt Land. Lediglich die Informationsnetze der katholischen Kirche sorgten dafür, dass der Vatikan und der polnische Papst Johannes Paul II aktuell informiert waren. Leider haben es die Sicherheitsorgane im Vatikan vergessen, ihre Kollegen vom CIA auf den jeweils aktuellen Stand der Dinge zu bringen. Noch heute nimmt man dem Vatikan in Langley diese restriktive Informationspolitik übel.

Zäh und von Tag zu Tag gefährlicher zog sich der illegale Streik hin. Doch nach und nach wurden die Arbeiter der Lenin - Werft eine starke Keimzelle der

Basisdemokratie

in einem unterdrückten und autoritär geführten Land.

Niemand hinter dem maroden Zaun wollte sich länger von korrupten und gierigen Politikern gängeln lassen, die ausschließlich für die eigenen Taschen wirtschafteten und das Volk ausbeuteten.

Der verfaulte kommunistische Parteiapparat war zu einem Eitergeschwür in der polnischen Gesellschaft gewachsen.

Damit sollte nun endlich aufgeräumt werden. Man forderte Versammlungs- und Vertragsfreiheit und ein Streikrecht.

Der damals siebenunddreißigjährige

Lech Walęsa

und die Werftarbeiter wurden von einer spirituellen Welle getragen. Man aß, trank, sang und schlief zusammen, so dass die Aufstandsverbindung immer fester wurde. Hinzu kam, dass die Werftarbeiter ihren katholischen Glauben wie eine Auszeichnung zur Schau trugen, während die Machthaber in Warschau und Moskau den Katholizismus am liebsten mit Stumpf und Stil ausgerottet hätten.

Derweil standen hinter dem maroden Zaun der Lenin - Werft die Arbeiter Schlange, um die heilige Kommunion zu empfangen.

Gestärkt durch die katholische Kirche wartete man nicht auf die Genehmigung aus Warschau zur Gründung einer Gewerkschaft.

Man schritt einfach zur Tat und gründete die

Solidarność

[ Solidarität ]

und eroberte in einem atemberaubenden Tempo alle Werften, Fabriken und Bergwerke in Polen. Der Flächenbrand einer echten

Basisdemokratie

versetzte das Land in einen Freiheitsrausch, so dass 1980 die ganze Welt der

Solidarność und ihrem Anführer Lech Walęsa

zu Füßen lag.

Fast schon im Monatsrhythmus gelangen der neuen Gewerkschaft weitere Fortschritte:

Fünf- statt Sechstagewoche und

wesentlich mehr Mitspracherecht bei der Leitung der Betriebe.

Die Menschen in Polen waren es leid, in einem Land leben zu müssen, das die Arbeiterklasse idealisierte und mit brutaler Korruption von den Parteifunktionären ausgebeutet wurde.

Solidarność

stärkte das Verlangen nach echter Demokratie und war der Anlass für die Massenaustritte aus der Kommunistischen Partei.

Die Machthaber im Kreml sahen die Menschenrechtsaktivisten mit schmerzverzerrten Gesichtern zu, denn die Mitglieder der Bewegung konnte man nicht als Marionetten des westlichen

Killer - Kapitalismus

abtun. Es waren nämlich die polnischen Arbeiter, die mit Kohlenstaub und Dreck an ihren Händen die Umsetzung der volksnahen marxistischen Theorie forderten.

Diese Leistungsträger des Volkes hätten in den Parlamenten sitzen müssen. Stattdessen saßen dort gierige Akademiker ohne Berufserfahrung, die über die kommunistischen Netzwerke in ihre Positionen gerutscht waren.

Das allerschlimmste aus der Moskauer Sicht war, dass die neue Gewerkschaft

demokratisch statt autoritär - basisorientiert statt zentralistisch

und

partizipatorisch statt bürokratisch

organisiert war. Selbst die Beobachter der USA verstanden damals nicht, was wirklich ohne ihr Zutun in Polen vorging. Heute unvorstellbar, dass eine Umsturzbewegung ohne amerikanische NGOs, ohne amerikanische Ideologie  und ohne amerikanische Dollars ausgelöst wird.

Lech Walęsa

war von 1980 bis 1990 Vorsitzender der Gewerkschaft Solidarność und von 1990 bis 1995 Staatspräsident Polens.

Dieser mutige Mann organisierte den politischen Wandel Polens und den Fall des Warschauer - Paktes.

Die Friedensbewegung in der ehemaligen DDR hätte ohne seine politischen Schlachten keinerlei Chancen gehabt, ihre Ziele umzusetzen. Deshalb hat der Mann von der Lenin Werft völlig zu Recht 1983 den Friedensnobelpreis erhalten. Denn 10 Millionen Mitglieder der

Solidarność

hatten die Macht, die polnische Wirtschaft zum Stillstand zu bringen. Bis zum Mauerfall in Berlin durchlebten die Polen eine achtjährige Polizeistaatsherrschaft unter Unterdrückung der „besonderen“ Art, sodass die

Solidarność

gezwungen war, in den Untergrund zu gehen. Die Führer dieser Gewerkschaft wollten ihre Heimat aus dem Schraubstock der Ausbeuter befreien, ohne zu wissen, welches System an deren Stelle treten sollte.

Nach der Auflösung des Warschauer - Paktes suchte man deshalb nach politischen Modellen zur Lösung der Probleme. Die skandinavischen Modelle der Sozialdemokratie waren für ein autoritär geführtes Land wesentlich zu liberal, so dass man glaubte, die Amerikaner hätten den Schlüssel zur Weisheit gefunden.

Zitat Auszüge von Leszek Balcerowicz

[ ehemaliger Finanzminister im November 2006 ]:

Ich lebe heute in einem Polen, das frei ist und ich

halte Milton Friedmann für einen der wichtigsten intellektuellen Architekten der Freiheit meines Landes“.

Zitat Ende.

Nach Aussagen von polnischen Bürgern arbeitet Leszek Balcerowicz in amerikanischen Netzwerken, so dass diese einseitige Sicht der Dinge erklärbar erscheint.

Würde er nach den Segnungen der EU sowie der polnischen NATO - Partnerschaft heute in Warschau die vorgenannte Aussage noch einmal tätigen, würde er gemäß den Aussagen von polnischen Bürgern auf der Stelle gesteinigt werden.

Denn nach den Segnungen der EU sowie der polnischen NATO - Partnerschaft erkennt die polnische Bevölkerung den Unterschied zwischen russischer und amerikanischer Ausbeutung.

Zitat einer jungen Polin:

„Die Russen sprechen russisch und die Amerikaner englisch“.

Zitat Ende.

Man weiß heute wie man tatsächlich aus Sicht der Machthaber in Washington gesehen wird:

Als vorgeschobenes Kanonenfutter,

sollte es an der Grenze zum Osten wieder knallen.

Die katholische Kirche sah damals

Solidarność

als Verbündeten gegen die kommunistischen Atheisten und die Sozialstaatvernichter Margaret Thatcher und Ronald Reagan. Doch niemand sonst konnte damals den Arbeitern auf der Lenin - Werft Hilfe anbieten.

Der gesamte IWF und die US - Ministerien waren fest in der Hand der

                             Chicago - Boys um Milton Friedmann 

und sahen natürlich die Entwicklungen in Polen durch die Brille der Schockdoktrin. Ein Eingreifen zur damaligen Zeit wurde auch noch durch den Eisernen Vorhang behindert.

Deshalb ließ der IWF Polen vorsätzlich immer tiefer in Schulden und Inflation versinken.

Erst ab 2010 realisieren einige gesellschaftliche Schichten, dass die neuen Freunde im Grunde genommen lediglich die Stellung der Russen übernommen haben. Man fühlt sich im

Niemandsland

verloren und sucht sehr zögerlich erneut die Annäherung an Russland. In vielen Bereichen wird genauestens festgehalten wer, welche Kontakte zu den USA unterhält und welche volksschädlichen Auswirkungen damit verbunden sein könnten.

Möglicherweise gibt es in Polen schon bald die Bewegung

Solidarność II,

die dann die Beendigung der Ausbeutung durch die USA fordert.

 

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Stand: 21.04.2010

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