DRSB
Deutscher Rentenschutzbund e.V.
Redaktionsteam
Leitung:
Udo Johann Piasetzky · Andreas Kallen · Hans - Josef Leiting
Düsseldorf, den 07. August 2008
Versagen die Eliten?
Teil 5
Am 21. Juli 2008 triumphierten die Christdemokraten in Berlin. Die CDU hatte erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland mehr Parteimitglieder als die SPD.
Für die kleine Gruppe der echten Sozialdemokraten ist das ein weiterer herber Rückschlag. Obwohl die CDU zurzeit in Umfragen uneinholbar vor der SPD liegt, war sie niemals die mitgliederstärkste Partei.
Auch das hat sich nun geändert und CDU - Generalsekretär Pofalla konnte genüsslich die Zahlen offiziell verkünden.
Ende Mai 2008 lag die SPD mit
531.737
Parteimitgliedern noch knapp vor der CDU, die damals bereits
531.299
eingeschriebene Parteimitglieder aufweisen konnte.
Mit über einer Million Mitgliedern verzeichnete die SPD 1976 ihren Höchststand, konnte aber durch Neueintritte seitdem die Zahl von Sterbefällen und Austritten nicht ausgleichen.
Die SPD verliert nach eigenen Angaben monatlich durchschnittlich 1600 Parteimitglieder und hat in den Vorjahren jährlich rund 24.000 SPD - Genossen verloren.
Die
Armuts - Agenda 2010
des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder hinterlässt klare Bremsspuren und führte dazu, dass man in den Jahren 2003 und 2004 sogar 50.000 Parteimitglieder jährlich verlor.
Die Dauer - Problematik
„schwindender Mitgliederzahl“
haben aber alle politischen Parteien gleichermaßen.
Die CDU zum Beispiel erreichte nach dem Mauerfall mit 750.000 Parteimitgliedern ihr Rekordergebnis. Bei einer gemeinsamen Mitgliederzählung der Unionsparteien
CDU und CSU
lag man schon länger in Führung, denn die bayerische Schwesterpartei zählte im April 2008 bereits 167.000 Parteimitglieder.
Aber auch die Union musste seit Jahren kontinuierliche Parteiaustritte hinnehmen.
Eine Ausnahme bildete nur die neue Linke, die nach dem Zusammenschluss von PDS und WASG ihre Mitgliederzahl auf 72.000 Mitglieder zum Jahresende 2007 steigern konnte.
Die FDP hatte im April 2008 circa 64.400 Mitglieder. Bündnis 90 / Die Grünen kommen noch etwa auf 44.300 eingeschriebene Parteimitglieder.
Die Antwort lautet eindeutig:
NEIN!
Doch langsam sollten die echten und
überzeugten Sozialdemokraten das Ruder wieder übernehmen.
Ein Rückblick ist hilfreich beim Verstehen der Abwärtsentwicklung bei der SPD. Als nach dem dritten Reich, Anfang 1946, politisch ein Neustart in Deutschland begann, zählten die Sozialdemokraten in den vier Zonen der deutschen Trümmergesellschaft über eine Million Parteimitglieder.
25 Jahre später, in der Zeit der sozialliberalen Koalition, war der Mitgliederstand der SPD eigentlich immer mehr als doppelt so hoch wie bei der CDU.
In den Zeiten von Kurt Schumacher oder auch Willy Brandt hätte kaum ein echter Sozialdemokrat eine solche Entwicklung, wie sie heute stattfindet, für möglich gehalten. Denn die so genannten bürgerlichen Parteien waren in ihrer ganzen Grundstruktur auf kleine elitäre Zirkel und Bündnisse ausgelegt. Organisationen wie die
Atlantik Brücke e.V.
zeigten sich nach außen hin locker assoziiert und waren in Wirklichkeit straff gegliedert und strukturiert. Nur Ausgewählte aus bürgerlichen Familien wurden zu Mitgliedern berufen und hatten direkten Zugang zu den Mächtigen in den USA.
Bürger aus den unteren Schichten waren dagegen als Einzelstehende ohne jegliche Durchschlagskraft.
Erst das Zusammenrücken in kollektive Organisationen verschaffte diesen
Nicht - Privilegierten
ein gewisses Aktionspotential. Zusätzlich vermittelte es den schwachen Bürgern das Gefühl von Größe, Zusammenhang und sozialer Kraft.
Die Bürger aus der gesellschaftlichen Beletage brauchten diese Art von diszipliniertem Kollektiv nicht. Sie verfügten stattdessen über ihre individuellen Bündnisse und stillen Organisationen, die ihnen Wirksamkeit garantierten und eine wachsende Autonomie gewährten.
Akademische Bildung, materieller Besitz sowie soziale Verkehrskreise schienen der Schlüssel zum dauerhaften Erfolg zu sein.
Doch all dies musste gut und dauerhaft organisiert werden.
Der größte Feind der bürgerlichen Eliten war deshalb zunächst der
sozialistisch - proletarische Parteifunktionär.
Dieser Typ des agierenden Funktionärs und Organisators der Massen entwickelte sich in den Vorstellungen der Eliten von der Qualität der Lebenswelten zu einer Bedrohung.
Die so genannten „roten“ Funktionäre aus der SPD und den Gewerkschaften galten den etablierten Eliten als Zerstörer von der Selbständigkeit und der Mündigkeit der Bürger und galten als hemmungslose Einpeitscher der Proletarier.
In den klassischen Arbeiterbewegungen waren aber gerade diese Funktionäre lange die guten Samariter für die kleinen Leute,
pflichtbewusst und hart gegen sich selbst
sowie ihrer SPD oder der Gewerkschaft treu ergeben und bereit, jederzeit ihre gesamte Freizeit zu opfern.
Ohne diesen Typ des hart arbeitenden, aufrichtigen Funktionärs
hätte es eine starke, das 20. Jahrhundert überdauernde echte Sozialdemokratie wohl niemals gegeben.
Doch der legendäre Organisationskult der SPD und der Gewerkschaften gehört inzwischen der Vergangenheit an. Gezielt wurden die Strukturen der SPD und der Gewerkschaften unterlaufen und die ehemals roten Funktionäre, die als Zerstörer galten, in Organisationen wie zum Beispiel der
Atlantik Brücke e.V.
integriert.
Unendlich reihen sich die Namen von SPDlern und Gewerkschaftlern aneinander.
Namen wie
Ursula Engelen - Kefer, Ottmar Schreiner, Michael Sommer,
Karsten Voigt
und selbstverständlich auch der Erfinder der Hartz - Modelle,
Peter Hartz
stehen für das abscheuliche Szenario.
Innerhalb von drei Jahrzehnten verloren so die echten Sozialdemokraten ihre kollektive Führung und Glaubwürdigkeit. Spätestens in der Ära Gerhard Schröder hat der ehrliche und aufrechte Parteifunktionär im Basisbereich der SPD an Einfluss und Gewicht gänzlich verloren.
Die Aufgaben und Funktionen im „historischen wirtschaftlichen Emanzipationskampf“ wurden durch die deutschen Eliten eliminiert.
Für die post - proletarischen sozialdemokratischen Oligarchen, wie zum Beispiel
Andrea Nahles, Sigmar Gabriel, Frank - Walter Steinmeier
und natürlich auch
Peer Steinbrück
gilt Politikverantwortung nur noch als ein hochprofitables, professionelles Geschäft.
Die fleißigen und aufrechten örtlichen Funktionäre mit ihrem Idealismus, ihrer Verantwortung und den kollektiven Gedanken, stören da im Grunde eher das lukrative Geschäft. Neu eingekaufte Marketing - Junkies werden an Stelle der braven Mitglieder hofiert. Die extrem hoch bezahlten so genannten
Spindoctors
sollten von nun an die sozialdemokratische „Kundschaft“ einstimmen und coachen.
In dieser Welt der durchgeknallten
Berater - Junkies und Think Tanks
waren die Funktionäre überflüssig.
Wer nicht alternativlos junkiehaft seine Politik personalisierend, stets medial spitzenmäßig in Szene setzt, hat ausgedient.
Der schleichende Abschied von den Parteimitgliedern und ihren geliebten Funktionären war damit vorprogrammiert.
Die neuen SPD - Protagonisten, oftmals nur ressourceschwache Personen mit akademischen Abschlüssen, glaubten fest daran jetzt nicht mehr auf das sichere Gehäuse der diszipliniert arbeitenden Organisation angewiesen zu sein.
Vormundschaft von Partei- oder Gewerkschaftssekretären ist nach der Meinung dieser
„obercoolen SPD - Protagonisten“
nur noch etwas für die Traditionssozialdemokraten aus der Vergangenheit.
Beharrlich wurde den Bürgern eingeredet, dass die moderne SPD im Zuge des Aufstiegs der klassischen Facharbeiterelite wirklich zu einer Partei der neuen Mitte geworden sei. Durch diesen Aufstieg zur Facharbeiter - Elite brauche man das Gehäuse einer straffen Organisation nicht mehr.
Die SPD - Mitglieder wurden gezielt aufgefordert sich stärker Gedanken zu machen, wo ihr Ort in der postindustriellen Gesellschaft und im Vielparteiensystem des neuen Jahrhundert noch liegen könnte.
Das war im zusammenwirken mit der
Armuts - Agenda 2010
der finale Schuss, der die Ära von einer weit ausgreifenden Volks- und Mitgliederpartei der SPD beendete.
Von diesem Zeitpunkt an gingen die SPD - Genossen auf zunehmenden
Schrumpfkurs.
Noch jubeln die so genannten Christdemokraten über den Platz an der Sonne. Doch auch in der CDU / CSU werkeln vergleichbare zerstörerische Kräfte.
Der Zenit ist überschritten und jetzt beginnt, mit einer Zeitverzögerung von vier Jahren, auch im christdemokratischen Lager das elende SPD - Szenario, denn Angela Merkel glaubt fest daran, dass in Zeiten der neuen Mitte man keine Scharen von Parteimitgliedern mehr braucht, sondern dass vor allem nur die taktische Beweglichkeit und mehr Raffinesse zählt.
Das Politikgeschäft wird dadurch sicherlich interessant und reizvoll für begabte Machthungrige werden.
Die Mehrzahl der Bürger ist von diesen Entwicklungen angewidert und fühlt sich ausgeschlossen.
In den kleinen, zentripetal organisierten Ortsgruppen der Parteien werden die täglichen Probleme gewälzt und wenn möglich von den „alten“ Funktionären beseitigt. In den Berliner Think Tanks kommen diese Basisstimmungen erst gar nicht an, sodass im Allgemeinen selbst die besten Kräfte und Energien ungenutzt bleiben müssen.
Es kann durchaus sein, dass die CDU die SPD bei den Mitgliedszahlen überholt hat, dies ist allerdings kein Grund zum Jubeln, denn unterm Strich verliert auch die CDU unter der Führung von Frau Merkel stetig weiter Mitglieder.
Viele Bürger haben keinerlei genaue Vorstellungen, wie Politik funktioniert. Sie haben einen ordentlichen Beruf und keine Lust mehr auf Parteipolitik. So deutlich sagen es immer mehr Parteimitglieder dem DRSB e.V.
Eine solide Karriere im Beruf ist ihnen wichtiger als die Übernahme von kollektiver Verantwortung.
Nicht nur der SPD und der CDU / CSU fehlt deshalb qualifizierter Nachwuchs, denn solcher, den es tatsächlich gibt, wendet sich immer häufiger frustriert von den Parteien ab.
Vermeintlich ist auf den ersten Blick der Einstieg in die Politik denkbar leicht. Gerade wenn die Zahl der neuen Parteimitglieder überschaubar ist, stehen sehr schnell viele Partei - Posten offen.
In der Regel jedoch müssen Partei- oder Politikneulinge beim Einstieg hohe Hürden überwinden. Eigentlich kümmert sich kein Mensch um sie und nach den ersten Parteiveranstaltungen macht sich meistens große Ernüchterung breit.
Es fehlt den Bürgern nicht an der Lust sich ehrenamtlich und unendgeldlich zu engagieren. Mehr als ein Drittel der Deutschen arbeitet in der Freizeit, oft an mehreren Abenden in der Woche im sozialen Kollektiv.
Die meisten Bürger engagieren sich in Vereinen, es folgen kirchliche Einrichtungen, Bürgerinitiativen sowie die freiwillige Feuerwehr.
Politische Parteien und Gewerkschaften sind dagegen mit Abstand sehr unbeliebt, weil ihnen die Glaubwürdigkeit verloren ging.
Junge Bürger wollen beruflichen Nutzen aus ihrem Engagement ziehen und nicht wie ein Lügenbaron herumtaktieren. Eine so genannte „Ochsentour“ innerhalb einer Partei ist deshalb uninteressant.
Doch selbst wenn die viele Parteimitglieder der Volksparteien hoch motiviert sind, das lamentieren in der Koalition von
CDU / CSU und SPD
hat auf allen Seiten tierischen Frust aufgebaut, der sich nach und nach entladen wird.
Diejenigen Bürger, die sich vom Politikgeschäft noch angezogen fühlen, bilden leider eine stark schrumpfende Minderheit in der Gesellschaft.
Die Deutschen sollten das Feld nicht den unqualifizierten Schönrednern überlassen.
Wer sich nicht politisch engagiert, hat keine Stimme und ist nur einer von 80 Millionen Bürgern, die sehr schnell auf den
landen können.
DRSB
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